Alfred Russel Wallace : Alfred Wallace : A. R. Wallace :
Russel Wallace : Alfred Russell Wallace (sic)

 
 
Vorwort. to Die Wissenschaftliche Ansicht
des Uebernatürlichen
(S246a: 1874)

 
Editor Charles H. Smith's Note: Wallace's translated Foreword to the German edition of The Scientific Aspect of the Supernatural, published in 1874. In part based on other writings (see S246a listing in Wallace bibliography, this site). Original pagination indicated within double brackets. To link directly to this page, connect with: http://people.wku.edu/charles.smith/wallace/S246A.htm


[[p. V]] Vorwort des Verfassers
zur deutschen Uebersetzung dieses Buches.

    Dieser kleine Essay wurde vor acht Jahren geschrieben, als der Gegenstand, von dem er handelt, mir vergleichungsweise neu war. Seit damals bin ich persönlich Augenzeuge eines beträchtlichen Theiles der hier auf das Zeugniss Anderer beigebrachten Erscheinungen gewesen; und nachdem ich alle gegen sie vorgebrachten Beweisgründe (wie alles sie Lächerlichmachende) nebst all den Erklärungen, durch welche man sie zu begründen versucht hat, vollkommen erwogen, behalte ich die feste Ueberzeugung, dass die Phänomene des modernen Spiritualismus wahrhaft objective Thatsachen sind. Mein Essay ist in England längst vergriffen worden, und ich beabsichtigte eigentlich nicht, ihn wieder abdrucken zu lassen, bevor ich nicht vorbereitet wäre, ihn gänzlich umzugestalten und ihm meine persönlichen Erfahrungen einzuverleiben. Dieses ist jetzt unnöthig geworden durch die weit sorgfältigeren und umfassenderen Untersuchungen des Mr. William Crookes, Mitgliedes der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu London, welche in Kurzem der Welt übergeben werden sollen. Da mein Freund, der Kaiserlich Russische Staatsrath Herr Aksákow zu St. Petersburg, eine deutsche Uebersetzung meiner Broschüre zu veröffentlichen [[p. VI]] wünscht, so hielt ich es nicht für gerechtfertigt, ihm die Erlaubniss hierzu abzuschlagen; aber ich wünschte mich dabei vor der Vermuthung zu verwahren, als ob ich noch gegenwärtig jede darin ausgedrückte Meinung aufrecht halten wollte. Während meine Ansichten im Grossen und Ganzen unverändert bleiben, giebt es gewisse einzelne Punkte, über die ich mich heute in ganz anderer Weise ausdrücken würde.

    Ich bin zu der Kenntniss gelangt, dass mein geschätzter Freund, Herr Anton Dohrn, in einem Artikel, betitelt: "Englische Kritiker und Anti-Kritiker des Darwinismus" (siehe "das Ausland" No. 49 pro 1871) die Ansicht ausgesprochen hat, dass der Spiritualismus und die natürliche Zuchtwahl mit einander unverträglich seien, und dass meine Abweichung von den Ansichten des Mr. Darwin aus meinem spiritualistischen Glauben entspringe. Er scheint auch zu glauben, dass ich durch Annahme der spirituellen Doctrin von kirchlichem und religiösem Vorurtheil beeinflusst worden sei. Ueber diese Punkte wünschte ich mich etwas näher auszulassen. Von meinem vierzehnten Jahre ab lebte ich gemeinschaftlich mit einem älteren Bruder von fortgeschrittenen liberalen und philosophischen Ansichten, und ich verlor dadurch bald (und habe seitdem niemals wiedergewonnen) jede Fähigkeit, mich in meinem Urtheil, sei es von kirchlichem Einfluss, sei es von religiösem Vorurtheil, bestimmen zu lassen. Bis zu der Zeit, da ich zum ersten Mal mit den Thatsachen des Spiritualismus bekannt wurde, war ich ein unerschütterlicher philosophischer Skeptiker, der sich an den Werken eines David Friedrich Strauss und Carl Vogt erfreute und ein enthusiastischer Bewunderer von Herbert Spencer war (was ich gegenwärtig noch bin). Ich [[p. VII]] war ein so entschiedener und starrsinniger Materialist, dass ich zu jener Zeit keinen Platz in meinem Kopfe für die Vorstellung einer geistigen Existenz, oder für irgend welche anderen Wirkungskräfte im Universum, als für "Stoff und Kraft," finden konnte. Thatsachen sind jedoch hartnäckige Dinge. Meine Neugier wurde zuerst stark aufgeregt, und meine Begierde nach Wissen wie meine Liebe nach Wahrheit um ihrer selbst willen zwangen mich, meine Forschungen fortzusetzen. Die Thatsachen wurden immer zuverlässiger, immer mannigfaltiger und entfernten sich immer weiter von Allem, was die neuere Wissenschaft lehrte, oder worüber die moderne Philosophie spekulirte. Die Thatsachen schlugen mich; sie zwangen mich, sie als Thatsachen anzuerkennen, lange bevor ich die spirituelle Erklärung derselben annehmen konnte. Es war damals, wie Dr. Carpenter dieses so gut ausdrückt, "kein Platz in meiner bestehenden Gedankenfabrik, in welchen sie hätte eingepasst werden können." Erst nach und nach wurde ein solcher Platz allmählich frei; aber er wurde diess nicht durch irgend welche vorgefasste oder theoretische Meinungen, sondern durch die beständige Einwirkung von Thatsache nach Thatsache, welche auf keine andere Weise erklärt oder beseitigt werden konnten.

    So viel über Herrn Anton Dohrn's Theorie von den Ursachen, welche mich zur Annahme des Spiritualismus leiteten.1

    Nachdem ich, wie ich gezeigt habe, durch eine strenge Induction aus den Thatsachen 1) zu dem Glauben an die Existenz einer unendlichben Anzahl von Intelligenzen (geistigen [[p. VIII]] Wesen) verschiedener Grade im Universum, und 2) zu der Ansicht geführt worden bin, dass einige von diesen Intelligenzen, obgleich sie gewöhnlich für uns unsichtbar und unberührbar sind, dennoch auf die Materie einwirken, und unsern Geist beeinflussen können, und diess auch wirklich thun: so verfolge ich sicher nur einen streng wissenschaftlichen und logischen Weg, wenn ich zu erkennen suche, wie weit diese neue Lehre uns in den Stand setzen wird, manche jener übrig bleibenden Phänomene zu begründen, welche die Theorie der natürlichen Zuchtwahl nicht zu erklären vermag. Die folgende Stelle, welche als eine Anmerkung in der zweiten Ausgabe meiner "Beiträge zur Theorie der natürlichen Zuchtwahl" vorkommt, wird zeigen, wie, nach meiner Ansicht, die Theorie des Spiritualismus wirklich die Theorie von der natürlichen Zuchtwahl ergänzt:--

    "Einige Kritiker scheinen mir den Sinn der Ausdrücke, welche ich hier gebraucht habe, vollständig falsch aufgefasst zu haben. Sie haben mir vorgeworfen, als suchte ich die Schwierigkeit damit zu überwinden, dass ich auf unnütze und wenig philosophische Weise an die 'ersten Ursachen' appellirte; dass ich einräumte, 'unser Gehirn sei das Schöpfungswerk Gottes und nur unsere Lungen dasjenige der natürlichen Zuchtwahl', und dass ich schliesslich aus dem Menschen 'das Hausthier Gottes' gestaltet hätte. Ein trefflicher Gelehrter, Herr Claparède, lässt mich beständig eine 'Höhere Kraft' zu meiner Hilfe herbeiziehen, wobei der grosse Buchstabe 'H', wie ich glaube, ausdrücken soll, dass diese Höhere Kraft die Gottheit sei. Ich kann dieses Missverständniss nur aus der Ohnmacht erklären, in der sich heut zu Tage jeder gebildete Geist befindet, sich die Existenz einer höheren vermittelnden Intelligenz zwischen [[p. IX]] dem Menschen und der Gottheit vorzustellen. Die Engel und Erzengel, die Geister und Dämonen sind seit so langer Zeit aus unserem Glauben verbannt, dass wir sie uns nicht mehr als Wirklichkeiten vorstellen können, und die moderne Philosophie setzt nichts an ihre Stelle. Indessen kann das grosse Gesetz der Continuität oder des Allzusammenhangs (als der letzte Ausspruch der modernen Wissenschaft, welches in allen Gebieten der Materie, der Kraft und des Geistes, so weit wir sie zu erforschen vermögen, absolut erscheint) unmöglich über die enge Sphäre unseres Gesichtskreises hinaus aufhören in Geltung zu bleiben. Es kann keinen unendlichen Abgrund geben zwischen dem Menschen und dem grossen Geiste des Universums: eine solche Annahme scheint mir im höchsten Grade unwahrscheinlich.

    "Wenn ich vom Ursprunge des Menschen und von seinen möglichen Verursachungen sprach, gebrauchte ich die Ausdrücke: 'irgend eine andere Kraft'--'irgend eine intelligent Kraft'--'eine höhere Intelligenz'--'eine lenkende Intelligenz.' Das sind die einzigen Ausdrücke, welche ich zur Bezeichnung der Kraft anwandte, der man, wie mir schien, die Entwickelung des Menschen zuschreiben konnte; und ich habe sie absichtlich gewählt, um zu zeigen, dass ich die Hypothese einer ersten Ursache verwerfe, um damit alle beliebigen speziellen Phänomene zu erklären, welche das Universum zusammensetzen, wofern man nicht auch als erste Ursache die Thätigkeit des Menschen oder jedes anderen intelligenten Wesens betrachtet. Nur wo ich vom Ursprunge der Kräfte und der universellen Gesetze handle, habe ich vom Willen oder von der Macht einer 'höchsten Intelligenz' gesprochen.

    [[p. X]] "Indem ich mich der so eben erinnerten Ausdrücke bediente, wünschte ich wohl begreiflich zu machen, dass nach meiner Ansicht die Entwickelung der wesentlich menschlichen Theile unserer Organisation und unserer Intelligenz höheren intelligenten Wesen, als wir, zugeschrieben werden könne, deren lenkende Thätigkeit in Uebereinstimmung mit den universellen Naturgesetzen ausgeübt würde. Ein ähnlicher Glaube kann begründet oder auch nicht begründet sein, aber er ist begreiflich und liegt nicht wesentlich ausser dem Bereiche des Beweises. Er beruht auf Thatsachen und Argumenten, welche denjenigen vollkommen analog sind, durch die ein hinreichend denkkräftiger Geist, indem er auf der Erde die Existenz von cultivirten Planzen und Hausthieren constatirt, auf das Vorhandensein irgend eines ihnen überlegenen intelligenten Wesens schliessen würde." (Anmerkung A.)

    Die hierin ausgedrückte Ansicht, ob gut begründet oder nicht, (und ich lege sie nur versuchsweise als eine Hypothese vor), ist keineswegs, wie ich behaupte, unverträglich mit einer vollständigen Annahme der grossen Lehre der Entwickelung durch die natürliche Zuchtwahl.

    London, im Januar 1874.
    Alfred Russel Wallace.


Note Appearing in the Original Work

    1 Vergl. "Der Spiritualismus und die Wissenschaft." (Leipzig, 1872) S. 119. --Der Uebersetzer. [[on p. VII]]


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